Fishing for Compliments

Als ich Franco und Luigi zum ersten Mal ansprach, war da vor allem Zurückhaltung. Ihre Gesichter hatten mich sofort interessiert – vom Leben gezeichnet, stark, voller Geschichten. Beim zweiten Besuch wurde es schon etwas leichter. Ich spreche ein paar Brocken Italienisch, die Zwei kein Deutsch und kaum Englisch. Verständigt haben wir uns mit Händen, Füßen, Blicken – und viel gutem Willen.

Beide sind hier geboren, im selben Ort, und haben ihn nie wirklich verlassen. Zwischendurch war Franco Model für Segelmode, beide fuhren Regatten. Was sie verbindet, ist das Meer. Und ihre Freundschaft. Auch mit Mitte siebzig fahren sie noch immer früh morgens mit ihrem kleinen Boot hinaus, hinter die Felsen, dorthin, wo sie seit Jahrzehnten fischen.

Doch das Meer hat sich verändert. Es ist voller, lauter, schmutziger. Yachten und Kreuzfahrtschiffe bringen Touristen nach Ligurien – und lassen oft leere Netze zurück. Der Ertrag ist gering geworden. Deshalb der leicht ironische Titel: Fishing for Compliments. Sie fischen, um zu überleben. Inmitten von Luxus. Und nicht selten bleibt ihnen nach einem langen, körperlich anstrengenden Morgen auf See nicht mehr als ein paar freundliche Worte.

Dieses Projekt ist mit der Zeit zu etwas Persönlichem geworden.
Einer Verbindung zu Franco, der trotz der harten Arbeit und seines Alters eine stille Freundlichkeit ausstrahlt, aufmerksame Augen hat und sich Mühe gibt, mir alles zu erklären was um uns herum passiert. Und zu Luigi, wortkarg und grummelig, der seine Arbeit macht, rauchend, konzentriert, eine Zigarette nach der anderen. Irgendwie erinnert er mich an Bud Spencer.

Und dann ist da ihre Heimat. Ein Ort, der sich stark verändert hat und es ihnen beinahe unmöglich macht, von dem zu leben, was sie seit Jahrzehnten tun. Das Meer gibt weniger zurück, der Druck von außen ist größer geworden. Was sie fangen, versuchen sie direkt nach ihrer Rückkehr im Hafen an die umliegenden Hotels und Restaurants zu verkaufen. Ohne Umwege. Ohne Absicherung.


Fishing for Compliments ist für mich eine Annäherung an zwei Menschen, ihre Beziehung zueinander und an ein Leben, das immer mehr aus dem Blick gerät – leise, würdevoll und bedroht von einer Welt, die sich nicht umdreht.


Copyright © Jan Hartmann